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GSF-Statement auf der Dialogkonferenz zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie 2020

Die Bundesregierung führte mit NGO’s und Experten am 29.10.19 in Berlin einen Dialog über die Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Die GSF war zum SDG 3 "Gesundheit und Wohlergehen" dabei und bezog Stellung:


Aus unserer Sicht sollten in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie 2020 auch folgende Themen berücksichtigt werden, welche die Gesundheit fördern und bislang zu wenig Aufmerksamkeit im Rahmen der Gesundheitsstrategie (SDG 3) erhielten. Unser Ansatz ist, damit die Verbindung von Grün, Immobilien und Finanzen mit Gesundheitsstrategien zu stärken und einen neuen, weiteren Blickwinkel zu eröffnen.


Gesundes Gebäude mit Pflanzen schafft Luftqualität für Stadtleben


Über eine Reduzierung der Luftbelastung hinaus sollte eine aktive Verzahnung der Verbesserung von Luftqualitäten mit Grünstrategien in der Stadt- und Gebäudeentwicklung erfolgen. Bislang wird der Außenraum stark in den Fokus genommen, eine Luftqualitäts-verbesserung kann jedoch auch innerhalb der Gebäude erfolgen. Dies wird allzu schnell als Inneneinrichtung oder Privatsphäre interpretiert.


„Das gesunde Gebäude“ sollte einerseits schadstoffarm sein und gute Belüftungs-möglichkeiten, andererseits auch Grünelemente zur Verbesserung der Luftqualität enthalten. Bisher gibt es keine öffentliche Förderung für den Ausbau von Grün in Büros, in Gemeinschaftsräumen oder öffentlichen Bereichen von Gebäuden, wie z.B. durch Pflanzenbilder mit echten Pflanzen, Pflanzenwände oder Wasserfälle. Solche Maßnahmen können zusätzlich zu dem wichtigen Bereich von Fassaden- und Dachbegrünung einen Gesundheitsbeitrag zum Leben in der Stadt leisten, teils auch Alternativen bieten, wo anderes bislang nicht möglich war. Hinzu wirkt die Begrünung von Innenräumen beruhigend, ausgleichend und lärmreduzierend. Sich beispielsweise in Bürogemeinschaften gemeinsam um Pflanzen und Grün zu kümmern kann zudem Kommunikationsräume schaffen und Einsamkeit reduzieren. So kann ein grünes Raumklima über die Luftqualität hinaus weitere Gesundheitsaspekte fördern.


Einsamkeit in der Stadt mit Grün und Digitalisierung entgegenwirken


Mit dem demografischen Wandel und veränderten gesellschaftlichen Lebensmodellen werden immer mehr Menschen einsam. Die Gestaltung von Gebäuden und Innenräumen sowie von Stadträumen sollte die Begegnung von Menschen, Grün als Erdung und Verbundenheit und digitale Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation stärker aufgreifen. Die Einbindung von Angeboten in diesen Bereichen sollte in der öffentlichen Förderung nicht nur auf einzelne Bausteine reduziert, sondern im Zusammenhang gefördert werden. Der Umgang mit Einsamkeit ist bereits und wird noch stärker ein wichtiger Faktor für Gesundheit im urbanen Lebensraum werden.


Es sollten daher mittels Apps, virtuelle und reale Bewegungsmöglichkeiten im Stadtraum, Begegnungsorte mit Grünkontexten, Urban Gardening als Kontext für soziale Integration und eine Stärkung von Sport und Bewegung im Stadtraum gefördert werden. Einsamkeit wird nicht durch Events und Quantität von gastronomischen Angeboten in Städten gelindert - man kann auch „einsam“ in der Masse sein - sondern durch Erdung über Grün und durch neue, unaufdringliche, teils spielerische Angebote im Stadtraum und in oder an Gebäuden.


Lärm in der Stadt mit Orten der Stille begegnen


Unter einer Belebung der Stadt werden allzu oft gesteigerte Aktivität, intensive Kommu-nikation und Konsum im öffentlichen Raum verstanden. Lebendigkeit wird mit Entgrenzung und Quantitätsanspruch gleichgesetzt. Zum äußeren Lärm kommt damit noch zusätzlicher innerer Lärm. In Altstädten und Innenstädten fehlt häufig ein Ort der Ruhe als Kontrapunkt. Kirchen, Bibliotheken oder kleine Buchhandlungen gehören zu den wenigen Optionen für Ruhe im öffentlichen Raum. Selten gibt es Außenflächen hierfür.


Nach dem Prinzip des Klostergartens einen Ort oder auch einen Innenraum zur Entschleunigung und Ruhe zu haben, wird in Zukunft ein wichtiger Baustein der Stadtentwicklung und damit der Gesundheitsförderung sein. Wir brauchen moderne Formen des „Klostergartens“, vom Barfußpark auf dem Parkhausdach bis zum abgegrenzten Raum einer ungenutzten Baulücke mit Fassadengrün, Wasserfall und Sitzgelegenheiten oder Platz für Yoga Übungen und Meditation. Auch Kirchgebäude sollten hier stärker eingebunden und ihre Vorplätze oder Flächen mehr erschlossen werden. Öffentliche Mittel sollten nicht nur Orten der Aktivität, sondern auch der Ruhe und Erdung zur Verfügung stehen. Entschleunigung und Lärmerholung dient der Gesundheit in einer städtischen Gemeinschaft.


Finanzielle Allgemeinbildung nimmt Druck von der Seele


Die psychischen Belastungen in einer Gesellschaft mit hohen Erwartungen an jeden Einzelnen zum Umgang mit Finanzen können nicht mit Papierbergen von Informationen zum Vertragsabschluss entlastet werden, sondern durch präventive finanzielle Allgemein-bildung. Bereits existierende Aktivitäten von Verbraucher- und Bankenverbänden sowie unterschiedliche Modellprojekte in den Bundesländern sollten zusammengefasst, koordiniert und im Schulunterricht gestärkt werden. Auch eine allgemein zugängliche, digitale Bildung zu diesem Thema sollte niedrigschwellig ausgebaut werden. Eine finan-zielle Grundbildung befähigt später, in allen Systembereichen zurecht zu kommen. Sie hilft bei Entscheidungen über persönliche Fragen zur Finanzierung von Gesundheitskosten oder Versicherungen und bringt eine Entlastung im Alter. Der „seelische“, psychologische Druck des Umgangs mit finanziellen Fragen wird vermindert und somit letztendlich ein Beitrag zum SDG 3 geleistet.


Autoren: Roland Keich & Tu Phung Ngo