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Sustainable Finance - Modeerscheinung oder politische Weichenstellung?

Aktualisiert: Juni 10


Sustainable Finance oder auf Deutsch “Nachhaltige Finanzierung” gewinnt mit den umfangreichen nationalen und internationalen Aktivitäten zum Thema Nachhaltigkeit stark an Bedeutung. “Ist das alles nur eine neue Modeerscheinung?”, könnte man bei dem an Hype grenzenden weltweiten Aktivitätsdrang rund um Nachhaltigkeit fragen. Oder, wie bei der Digitalisierung, die eine Transformation der Wirtschaft zur Folge hatte, eine tatsächliche Umstellung der Geschäftsinhalte und Geldsteuerung?


Diese Fragen bewegt die Wirtschaftskanzlei GSK Stockmann und Partner, die Kooperationspartner der GSF Gesellschaft für Strategie- und Finanzierungsberatung mbH ist. Mit einer bundesweiten Veranstaltungsreihe in Form eines “Afterwork Talk” griffen die Wirtschaftskanzlei GSK Stockmann und das Immobilienunternehmen Corestate Capital Group im November 2019 dieses Thema gemeinsam auf. Das GSF-Team war bei dem gelungenen Afterwork Talk in Hamburg dabei. Die Referenten von GSK und Corestate setzten den Schwerpunkt auf die Rahmenbedingungen von Sustainable Finance und die Frage, mit welchen Aktivitäten ein kapitalmarktorientiertes Immobilienunternehmen Nachhaltigkeit in sein Geschäftsmodell integrieren kann.


Die Veranstalter waren sich einig, dass hinter dem Begriff „Sustainable Finance“ ein weitreichender gesellschaftlicher Wandel steckt, im Zuge dessen in Zukunft die Berücksichtigung umweltbezogener und sozialer Faktoren bei Investitionsentscheidungen eingefordert wird. Mehrere analoge Entwicklungen auf verschiedenen politischen Ebenen machen die Dringlichkeit dieser Forderung deutlich: Weltweit wurde sie bereits durch das Pariser Klimaabkommen 2015 und die UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung offenkundig. Auf der europäischen Ebene ist mit dem „Action Plan on Sustainable Finance“ im Mai 2018 ein weiterer Schritt eingeleitet worden, der an einer der stärksten Stellschrauben für eine nachhaltige Entwicklung drehen soll – dem Finanzwesen. 

Zunächst soll der EU-Action Plan vor allem ein konkretes Rahmenwerk für nachhaltige Investments und Wirtschaftstätigkeiten schaffen, denn obwohl die Nachfrage nach Geldanlagen deutlich steigt, die den sogenannten ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) entsprechen, fehlt es bislang an verbindlichen Kriterien dazu, was nachhaltig ist und was nicht. Das Herzstück des „Action Plan on Sustainable Finance“ ist daher die EU-Taxonomie für nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten, welche sich zentral um Umweltziele dreht. Zu den normierten Umweltzielen, die in Zukunft die Basis von ökologisch nachhaltigen Aktivitäten sein sollen, gehören unter anderem die Vermeidung von Treibhausgasemissionen und der Schutz von Biodiversität, Wasser- und Meeresressourcen. Allen Umweltzielen werden durch Expertengruppen technische Evaluierungskriterien zu Grunde gelegt und zudem neue Benchmarks für möglichst kohlenstoffarme Produktions- und Vertriebszyklen festgelegt. Mit Inkrafttreten der Taxonomie sind Finanzmarkteilnehmer und Finanzberater bereits ab Ende 2022 dazu verpflichtet, die konkreten ESG-Kriterien in ihre Investitionsprozesse zu integrieren und Investoren auch darüber zu informieren.


Zu den Branchen, die besonders stark zu den weltweiten Treibhausgasemissionen beitragen, gehören nicht nur die üblichen Verdächtigen wie das Verkehrswesen, die Energieversorger oder die Land- und Forstwirtschaft, sondern mit einem Anteil von ca. 36 % auch der Immobiliensektor. Tatsächlich sind Gebäude mit einem noch weitgehend ineffizienten Energiemanagement mit die größten Energieverbraucher in der EU. Insofern wird die Frage des nachhaltigen Investments und ökologisch sinnvollen Wirtschaftens die Immobilienbranche besonders betreffen. Die GSK Stockmann und die Corestate Capital Group sehen in diesem Bereich jedoch nicht nur großen Handlungsbedarf, sondern auch besonders viele Chancen. Gerade auf der Ebene einzelner Gebäude gibt es durch den Bau energiesparender Häuser und die Implementierung nachhaltiger Energiequellen wie Solaranlagen oder die Renovierung von Bestandsgebäuden viele Maßnahmen, die konkret zur Nachhaltigkeit beitragen.


Die Corestate Capital Group sieht als Anbieter für integriertes Investment Mangement im Immobilienbereich, wie sich das Thema von einem Nischentrend zu einer Kernsäule des Finanzbereichs entwickelt. Im Kontext der Urbanisierung und des wachsenden Bedarfes nach Wohnraum greift das Unternehmen neue Konzepte wie Micro-Living auf: die Idee des Wohnens auf kleinem Raum nicht nur für Studierende, sondern auch für Young Professionals, Projektmitarbeiter oder Pendler entspricht dem Bedarf einer zunehmenden Gruppe von Menschen. Nachhaltig wird das Ganze, indem nicht nur Energieeffizienz, sondern auch soziale Konzepte wie Co-Working Plätze und Gemeinschaftsräume von Anfang an mitgedacht werden. Ein ganz pragmatischer Ansatz in Richtung der ökologisch sinnvollen Gebäudenutzung ist schlicht die konsequente Überprüfung von Emissionen und Energieverbrauch im laufenden Betrieb, die im Zuge der Digitalisierung noch einfacher geworden ist. Tatsache ist, dass die Technical Expert Group der EU solche und ähnliche Maßnahmen im Immobiliensektor schon heute für die nahe Zukunft einfordert. 


Die Teilnehmer des Abends konnte eine klare Message mit nach Hause nehmen: Die Qualität der zu finanzierenden Investition wird zunehmend ein Kriterium für die Mittelvergabe an Unternehmen und deren Geschäftsmodelle sein. Der Kreis der Stakeholder für nachhaltige Investitionen eines Unternehmens erweitert sich in den nächsten Jahren somit um die Geldgeber. Ein gesellschaftlicher Wandel, angestoßen durch die Notwendigkeit dem Klima- und dem sozialen Wandel etwas entgegen zu setzen, nationale Initiativen von Unternehmen und Banken und ein wegweisendes politisches Signal der EU formen ein deutliches Fazit: Sustainable Finance ist ein Zukunftstrend und Immobilienunternehmen sollten sich bereits heute auf den Veränderungsprozess der nächsten Jahre vorbereiten.

Autoren: Roland Keich, Julia Barthel, GSF Hamburg